Gesellschaft

In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich?

Ich denke:

Konservative, traditionelle, normierte und strukturierte Lebensentwürfe, von der Schule, über die Ausbildung, hin zur lebenslangen Festanstellung, stellen für einen großen Teil der Bevölkerung keine Zukunft und für Kinder und Jugendliche keine Perspektive mehr dar. Werte, wie “Individualität”, “Flexibilität”, “Freiheit”, “Leistung” und „Selbstverwirklichung“ sind mehr und mehr “up to date”. Der fremdbestimme, geregelte und gesellschaftlich normierte Lebenslauf wird durch die „Bastelbiografie“ ersetzt, durch. Arbeit findet man heute in Praktika, in Zeitarbeit, in Projekten, in Freiberuflichkeit oder als „Solo-Selbständiger“ im Internet, z.B. in der „digitalen Bohème“.

Die Folgen jener Flexiblisierung sind relativ zum jeweiligen betroffenen Gruppe. Traditionelle, konservative und bürgerliche Milieues (vgl. Sinus-Milieus®), die gerne das bewahren wollen, was ihnen Sicherheit gab und gibt, spüren, ja fühlen durch den Verlust der Normalarbeit immer mehr Unsicherheiten und Existenzängste, z.B. keinen geregelten Job zu bekommen bzw. die Festanstellung zu verlieren. Sie haben ferner Angst, in der Gesellschaft durch Arbeitslosigkeit abgehängt zu werden, nicht mehr dazuzugehören. Aufgrund ihrer starren, unbeweglichen und unflexiblen Haltung fürchten sie das Neue, sie kritisieren jeden Wandel, misstrauen jeder Reform oder Veränderung, während postmaterielle, experimentalistische und moderne Performer-Milieues (vgl. Sinus-Milieus®) immer mehr Potentiale in der Flexiblisierung der Arbeitswelt sehen, das Leben in Eigenverantwortung multioptional und pragmatisch zu gestalten, um sich selbst zu verwirklichen, unabhängiger und ungebundener an feste Normatitivtäten. Im Grunde spüren sie dabei ein Hauch von Freiheit. Inwiefern sie dabei sozial abgesichert sind, bleibt fraglich.

In welcher Gesellschaft leben Kinder und Jugendliche?

Ich denke:

Die Frage „Was arbeiten deine Eltern?“, eine Frage nach einer „beruflichen Identität“ der Eltern kann von vielen Kindern nicht mehr konkret beantwortet werden, da ihnen Antworten, wie „Mein Vater befindet sich freiberuflich in einem befristeten Projekt“, „Meine Mutter ist eine Ich-AG“ odr “Meine Eltern ist solo-selbsständig um Web 2.0″ nicht sofort auf der Zunge liegen. Die Frage: „Was willst du später mal werden?“ stellt Kinder, vor allem aber aber Jugendliche vor Zukunftsängsten und Unsicherheiten. Die Folgen sind vielfältig: Während die eine Hälfte der Kinder und Jugendlichen sich einem Leistungsdruck hingibt, um Anforderungen der Gesellschaft zu bewältigen, um sich selbst zu verwirklichen, fühlt sich die andere Hälfte als überflüssig, weil sie glaubt, nicht mithalten zu können und zelebriert ihre Perspektivlosigkeit („Ich wird eh Hartz IV“), was aufgrund von Angst, Frust und Wut auf die Gesellschaft im Endeffekt zu einem Anstieg der Jugendgewalt führt, bei gleichzeitiger unrealistischer und hedonistischer Träumerei von einem Leben in Reichtum („Ich wird‘ mal Superstar.“). Zu beobachten ist außerdem eine vermehrte Flucht vor der Realität (Eskapismus), hinein in mediale und virtuelle Welten, vor allem in Computerspielewelten, aber auch eine Flucht in Bücher (Harry Potter, Tintenherz,…), häufig gar eine Flucht in Bücher und Filme und Computerspiele gleichzeitig. Das Problem: Die Realität wird dabei geleugnet, so z.B. die Realität, dass man trotz aller Schwierigkeiten sich um einen Job bemühen muss, um Geld zu verdienen bzw. dass man Ziele im Leben aufbauen und verwirklichen muss, wie auch immer. Jugendliche, die im Gegensatz zu den hedonischten Hier-und-Jetzt-Teenies Hoffnung auf eine Teilhabe in der Arbeitsgesellschaft nicht aufgegeben haben, haben aber auch keine so rechte Ahnung, wohin der Weg gehen soll („Ich will mal irgendwas mit Medien machen.“) und finden keine Ansprechpartner für ihre Ideen und Zukunftsvorstellungen. Das Berufsinformationszentrum (BIZ) der Arbeitsagentur ist hierbei keine realen Beratungsinstanz für Jugendliche mehr, da sie lediglich über Berufe informiert, aber keine gezielte Lebensberatung und keine Eingliederung in die Arbeitswelt, schon garkeine gezielte Perspektiven für die Lebensgestaltung mehr anbieten kann.

Migration? Integration?

Es gibt ein leidiges, ewiges Thema in Deutschland: Die Integration von Ausländern in Deutschland. Ich frage mich, was jeweils mit „Ausländer“ gemeint ist? Der Eintrag „deutsch“ im Pass? Die Herkunft der Großmutter? Die Zugehörigkeit zur Religion „Islam“? Ist es sozial gerecht, Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, zu fragen, ob sie in einem Terrorcamp gelebt haben? Ist man, nur, weil man einen „Einbürgerungstest“ bestanden hat, ein „guter Deutscher“? Wenn ja, besteht dann die Garantie auf „Integration“? Wieso redet Deutschland von „Integration“, aber nie im Sinne der Soziologie von „Teilhabe“? Wieso redet man so oft in Deutschland pauschal über die „Integrationsunwilligkeit“ von „Migranten“, als wären „Migranten“ eine homogene Masse? Sinus Sociovision hat längst das Gegenteil festgestellt; Migranten sind vielfältig und in vielem den Einheimischen ähnlich. Was ist denn in diesem Zusammenhang eine „Parallelgesellschaft“? Ist die mutlikulturelle Gesellschaft etwas, was „versagt hat“? Wieso gibt es denn Hamburger, Döner, Yoga, Salsa, Judo, Baguette, Bollywood, Schloss Sanssouci, Windows, Apple,….

Ich werde hier bei udolihs.de versuchen, gesellschaftliche Prozesse zu beleuchten, werde hierbei mich v.a. auf die Auswirkungen gesellschaftlicher Prozesse auf Kinder und Jugendliche konzentieren. So werde ich z.B. über Themen, wie “Jugendgewalt”, “Leistungsdruck”, “Arbeitslosigkeit”, “Selbstverwirklichung”, “Solo-Selbständigkeit”, “Migration” und “Integration” etc… berichten, letztendlich um fehlerhafte, verkürzte, hysterisierte, bedrohungs- oder vorurteilsbehaftete Sensationsmeldungen des Affektjournalismus, um jenen Katastrophenjargon zu relativieren und zu versachlichen.

© Copyright bei Udo Lihs, 2010

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