Noch 3 Tage. Dann ist es vorbei. Dieses 2011. Das Leben geht weiter, in der mathematischen Folge versehen mit der Jahreszahl 2012. Es ist so üblich in diesen Jahreswechselzeiten, in jenen Momenten der Veränderung in sich zu gehen und sich zu fragen: “Was war los?” Mit dem üblichen Jahresrückblicken besudeln uns Fernsehshows. Sinnloserweise. Denn wir wissen ja, was passiert ist. Wozu also Dinge aufwärmen, die vergangen sind?
Seltener wird gefragt: “Was wird passieren?” Dabei ist der gewagte Blick in die Zukunft viel spannender. Aber auch schwieriger. Wir wissen, was war. Wir wissen aber nicht, was wird. Eine Glaskugel, die uns die Geheimnisse verrät, ist leider ausverkauft und selten verlässlich. Und im geschmolzenen Blei kann man jeden Quatsch hinein interpretieren. Nun, wir können uns gute Vorsätze geben. Wir werden sie aber selten umsetzen. Warum? Weil es unlogisch ist, im folgenden Jahr das Rauchen aufzugeben, wenn die Sucht an Silvester noch zu groß ist. Es ist unlogisch, im folgenden Jahr mehr Sport zu treiben, wenn es an Silvester an der notwendigen Motivation fehlt und letztlich, wenn es an guten Gründen fehlt, wenn man eh noch nie Sport getrieben hat.
Was wir aber tun können, ist logisch zu denken. Wir können uns überlegen, was notwenig ist, zu tun, was quasi auf der Tagesordnung des eigenen Lebens steht und was in der Konsequenz eintreten wird und notwendigerweise passieren muss. Wir können uns denken, dass diese logischen Folgen und Konsequenzen positiv oder negativ sein können, indem wir diese bewerten. Wir können uns denken, was notwendig ist, um positive Folgen zu beschleunigen oder zu optimieren oder um negative Folgen abzuwenden. Zumindest können wir das versuchen. Dazu müssen wir beschließen, im folgenden Jahr Entscheidungen zu treffen, keine Vorsätze, die man eh nicht einhält, weil sie unlogisch sind, sondern Entscheidungen, die notwendig sind, die mit den besagten Tagesordnungspunkten, die vor der Tür stehen, im Einklang stehen. Die Frage bleibt nur: Werden wir uns richtig entscheiden?
Um diese Frage zu beantworten, ist es notwendig, in die Vergangenheit zu blicken. Wissen wir, wie wir uns in der Vergangengheit verhalten haben, wissen wir, wie wir uns in Zukunft entscheiden werden. Denn es ist es nicht abzusehen, dass wir uns innerhalb weniger Monate oder Jahre so sehr verändern werden, dass wir Entscheidungen treffen, die letztlich nicht unseren lieb gewonnen Gewohnheiten, Idealen oder Werten zuwider laufen.
Ich persönlich habe dieses Jahr mein Studium im Lehramt abgeschlossen, “Master of Education” steht nun auf meinem Abschlusszeugnis. Im folgenden Jahr müsste ich notwendigerweise mein Referendariat absolvieren, ein Vorbereitungsjahr – oder 2 Jahre, je nach Bundesland - für angehende Lehrer, das zum 2. Staatsexamen führt. Um dieses Referendariat zu absolvieren, müsste ich mich für dieses entscheiden, Ich müsste eine Bewerbung schreiben. Das wäre logisch. Aber wäre das auch richtig? Wäre diese Entscheidung gut? Passt sie zu meiner Persönlichkeit, zu meinen Idealen, zu meinen Werten, zu den Entscheidungen, die ich bisher getroffen habe?
Ich habe dieses Jahr – um mal kurz doch zurückzublicken - meine Masterarbeit zum Thema “Unterrichtsstörungen – Strukturelle Ursachen und Auswege” geschrieben. Fast das ganze Jahr, von Januar bis Oktober habe ich für diese Arbeit an die 100 Schüler beobachtet und ihr Verhalten analysiert, Interviews mit Schülern, Lehrern und Gespräche mit Dozenten geführt, habe Studien und Bücher gelesen, Texte studiert. In meiner Masterarbeit habe ich verdeutlicht, dass Unterrichtsstörungen letztlich keine willkürlichen oder zufälligen Aktionen „frecher“, „fauler“, „unerzogener“ oder „undisziplinierter“ Schüler sind. Sie sind keine Handlungen, die „schwierige“ oder „verhaltensauffällige“ Schüler aus dem Nichts heraus erfinden, um den Lehrern „böse Streiche“ zu spielen. Auch die These, Unterrichtsstörungen ergeben sich aus der Inkompetenz, gar aus der psychischen Verfasstheit des Lehrers greift zu kurz. Von solchen personalen Debatten, die lediglich zu Etikettierungen, kriminologischen Schuldzuweisungen oder zu sinnlossen oder zu kontraproduktiven Disziplinarmaßnahmen führen, die letztlich aber das Phänomen der Unterrichtsstörungen weder fundiert erklären, noch verhindern können , habe ich in meiner Masterarbeit Abschied genommen. Ich sage noch heute: Das Verhalten von Schülern ist bedingt durch die verwaltete Institution Regelschule, die sie umgibt. Unterrichtsstörungen liegen letztlich institutionellen, schulischen und am Ende gar bildungspolitischen Ursachen zugrunde. Sie sind Reaktionen auf Elemente einer Regelschulstruktur, die von Pflichten, Zwängen, von Leistungs- und Selektionsmechanismen und von generationalen und schulinternen Hierarchien bestimmt ist, die den Lern- und Leistungsbedürfnissen des individuellen Schülers nicht immer gerecht werden, die stattdessen Langeweile, Resignationen, Enttäuschungen, Perspektivlosigkeiten, Versagens-, Aufstiegs und Abstiegsängste, Leistungsdruck, Ohnmachts- und Wutgefühle herausfordern, die den Nährboden für Unterrichtsstörungen und für Gewalt anbieten. Die Institution Schule verhindert durch ihre Zwangs-, Herrschafts- und Machtstrukturen das Ausleben von Bedürfnissen und Freiheiten der Schüler (und Eltern) und fördert so psychisches, gar logisches, wenn nicht gar gesundes Reaktanzverhalten heraus, das aber im System Schule letztlich als Unterrichtsstörung, als Disziplinproblem verstanden wird. Deshalb stören Schüler an so gut wie allen Schulen. Schüler haben auch schon immer an Schulen den Unterricht gestört und das unabhängig von Kulturen, Nationen oder Epochen.
Und was ist die logische Konsequenz? In diese Regelschulen zu gehen, um in ihnen ein Referendariat zu absolvieren? Um Teil der verwalteten Institution Schule zu werden? Um zuzusehen, wie Schüler in ihr versagen, krank werden und notwendigerweise stören? Sicher nicht. Es wäre inkonsequent. Sicher. Es wäre notwendig, das Referendariat zu absolvieren, wenn ich bedenke, dass ich für den Lehrerberuf, für das sichere berufliche Standbein, ein 2. Staatsexamen brauche. Aber was habe ich von einem sicheren Lehrerberuf, wenn ich auf dem Weg dahin mich zerreißen muss, wenn ich letztlich Dinge tuen muss, die ich im Grund ablehne, die ich für schlecht halte, wenn ich Schüler zu unsinnigen Leistungsanforderungen antreiben muss, wenn ich sie zu sinnlosen Hausaufgaben peitschen muss und wenn ich sie für Dinge motivieren muss, wozu sie gar nicht zu motivieren sind, wenn ich ihnen Wissen beibringe, das sie langweilt, wenn ich am Ende dazu beitragen muss, junge Menschen zu benoten, wenn ich dazu beitragen muss, Schüler, junge Menschen nach ihrer Leistungsfähigkeit zu selektieren, wenn ich im Endeffekt Dinge tun werde, die logischerweise Unterrichtsstörungen hervorrufen müssen und wenn ich zwangsläufig jene Unterrichtsstörungen unterbinden muss, die aber berechtigt, logisch und sinnvoll sein werden. Ich werde sinnlose Dinge tun, Schüler disziplinieren, bestrafen etc.. etc.. Und das obwohl ich sie verstehen kann. Ich werde Schüler trainieren, mir zu gehorchen und in Seminaren behaupten, das zu tun, weil sie so mündig, erwachsen und reif werden. Was für ein bekloptter Irrsinn.
Also doch kein 2. Staatsexamen? Doch kein Referendariat? Was bleibt? Was bleibt sind Berufe, in denen das 2. Staatsexamen nicht gebraucht wird. Was bleibt ist die Bildungspolitik. Was bleibt sind Schulbuchverlage. Was bleibt ist die professionelle Nachhilfe, in der ich ausgleichen kann, ja muss, was die Schule kaputt gemacht hat. Was bleibt sind freie, demokratische Schulen, wie z.B. die Demokratische Schule X oder die Ting-Schule. Und wenn’s nicht klappt? Doch das Referendariat? Kapitulieren vor dem System? Sich verkaufen?
Was bleibt, ist die Ungewissheit und die Qual, Entscheidungen für die Zukunft treffen zu müssen. Im folgenden Jahr. Dabei muss ich in die Vergangenheit blicken, um zu überlegen, ob das, was ich tun werde im Einklang mit dem steht, was ich getan habe und was ich bisher geworden bin. Bisher zweifle ich. Und es ist notwendig, diese Zweifel auszuräumen und zu einem Standpunkt zu kommen. So ist es wohl, das Leben.
In dem Sinne: Entscheidungsfrohes Neues!
© Copyright bei Udo Lihs, 2011
Veröffentlicht am 29. Dezember 2011
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