Gestern hat Papst Benedikt XVI. im Bundestag eine Rede gehalten. Jeder war gespannt, ob er als Politiker des Staates Vatikans sprechen würde oder als Oberhaupt der katholischen Kirche. Nun wissen wir: Weder noch. Er sprach als Rechtsphilosoph. Er sprach als Professor Dr. Ratzinger. Seine Rede glich einer Vorlesung im Studiengang Politikwissenschaften. Möglicherweise wäre diese Rede tatsächlich auch in einer Universität, vor einem intellektuellen Publikum besser aufgehoben. Ich bezweifel nämlich, dass tatsächlich die Abgeordneten der Rede folgen konnten. Gleichermaßen glaube ich, dass auch viele Zuschauer an den Bildschirmen nicht so recht verstanden, was er nun sagt und vor allem, was er meint.
Entsprechend habe ich mir überlegt, das, was der Papst vermitteln wollte, das Zentrale, das Wichtige, kurz, knapp und verständlich in “einfacher Sprache” zu erkären, Allerdings liegt es mir fern, nun den Erklärbär zu spielen, wirke ich ja dann wieder theoretisch und oberlehrerhaft.
Mir kam die Idee, Ratzingers Rede in eine Art Dialog umzuwandeln. Im Grunde hat der Papst ja eine Frage gestellt, nämlich: “Wie erkennen wir, was Recht ist?” Es ging um die Quelle, die Grundlage der Rechte, z.B. um die Grundlage der Grundrechte hier in Deutschland, im Grunde gar um die Grundlage der Menschenrechte. Um die Philsophie der Rechte. Insofern wir hier “Rechte” als “gerecht handeln” verstehen – immerhin hat der Papst nicht zwischen politischem Recht und moralischer Gerechtigkeit unterschieden – so können wir auch – viel einfacher – uns fragen, woher wir wissen, ob das, was wir tun, gar entscheiden richtig ist?
Diese Frage könnte auch ein kleiner Junge von 5 Jahren stellen, der seinen Vater fragt: “Papa, woher weiß ich, was richtig ist”? Aus dieser Frage heraus könnte sich ein Gespräch zwischen Vater und Sohn ergeben. Und diesen Dialog will ich hier nun aus der Papstrede heraus entwickeln. Dabei konzentriere mich – wie gesagt – nur auf das Wichtigste, um die Kernbotschaft. Um die Antwort der Frage.
Was ist überhaupt die Kernbotschaft? Was ist die Antwort auf die Frage, woher wir wissen, was Recht, was richtig, gar gerecht ist? Zunächst: Man könnte annehmen, der Papst habe kompliziert erklären wollen, dass die Quellen des Richtigen, des Rechts und der Gerechtigkeit in Gott liegt, gar in der Bergpredigt Jesu Christi, in seinem Wirken und Tun, letztlich im Evangelium, in der Bibel, in der Offenbarung Gottes. Mitnichten! Keineswegs! Er meinte:
In der Geschichte sind Rechtsordnungen fast durchgehend religiös begründet worden: Vom Blick auf die Gottheit her wird entschieden, was unter Menschen rechtens ist. Im Gegensatz zu anderen großen Religionen hat das Christentum dem Staat und der Gesellschaft nie ein Offenbarungsrecht, eine Rechtsordnung aus Offenbarung vorgegeben. Es hat stattdessen auf Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen verwiesen…
Wie könnte hier ein entsprechender Dialog aussehen? Ich schlage – auch wenn mir bewusst ist, dass ich nun vereinfache, was gewollt ist – diesen hier vor: Der Vater fragt zurück:
Vater: “Was glaubst du denn, woher wir Menschen wissen, was richtig und falsch, gut und böse ist?”
Sohn: “Na, ich habe gehört, von Mama, das sagt uns Gott. Das steht in der Bibel.”
Und so kontert der Vater:
Vater: “Nein, das stimmt so nicht ganz. Wir wissen, was richtig und falsch ist, weil wir darüber nachdenken, weil wir überlegen können. Wenn du z.B. jemandem was klauen willst und du willst wissen ,ob das richtig ist, denkt du dann darüber nach, wie du dich fühlen würdest, wenn man dir was klaut. Dann würdest du feststellen, dass dir das nicht gefallen würde, wenn man dich beklauen würde. Also sagst du: “Klauen ist nicht richtig.” Und daher klaust du nicht. Weil du darüber nachgedacht hast. Das nennt man auch Vernunft oder auch “vernünftig sein”. Das meint Opa immer, wenn er sagt: “Sei mal vernünftig!” Er meint damit: “Denk mal drüber nach!” Außerdem weißt du, was richtig ist, weil du es spürst. Du isst z.B. was, wenn du Hunger hast. Und du hörst auf, wenn du satt bist. Das ist dann unsere Natur. Also kommt unser Wissen über das Richtige aus der Vernunft und der Natur.”
5jährige haben die Angewohnheit, weiter zu fragen, meist mit einem schlichten “Warum?” der Sache auf den Grund zu gehen. Diesen kindlichen Forschergeist finden wir in der Wissenschaft und diesen finden wir hier auch beim Intellektuellen Ratzinger wieder. Hier gibt er sich auch nicht mit der Antwort simplen Erklärung “Vernunft” und “Natur” zurfrieden. Er fragt sich: Woher kommt nun diese Vernunft? Was ist die Voraussetzung für Natur?” Ratzinger hat hier nun die Antwort, die katholische Erwartungen erfüllt. Er meint, dass
das Gegründetsein beider Sphären in der schöpferischen Vernunft Gottes voraussetzt.
und betont genau das noch einmal in der rhetorischen Frage:
Ist es wirklich sinnlos zu bedenken, ob die objektive Vernunft, die sich in der Natur zeigt, nicht eine schöpferische Vernunft, einen Creator Spiritus voraussetzt?
Das 5jährige “Warum?”, das im Grunde nichts weiter heißt als “Warum gibt es Vernunft und Natur?” könnte dem Kleinen folgendermaßen – viel einfacher – beantwortet werden:
Vater: Natur und Vernunft, das beides hat Gott gemacht und uns geschenkt.
Die Pointe kommt nun aber zum Schluß. Ratzinger ist hier am Ende. Der 5jährige fragt aber weiter! Er lässt sich nicht aufhalten, will neugierigerweise wirklich alles wissen und fragt letzlich:
Und woher kommt Gott?
Auf diese Frage gibt Ratzinger keine Antwort. Diese Frage stellt er nicht. Diese Frage kann er auch nicht stellen, weil diese Frage den Gott als Schöpfer und letztlich Gott als Allmächtigen im Universum disqualifiziert. Gibt es jemanden, der Gott gemacht hat, ist dieserjenigerwelcher mächtiger als er. Und natürlich: Irgendwer muss auch diesenjenigenwelchen gemacht haben und so weiter letztlich landen wir hier im inifiten Regress, in der Unendlichkeit der Fragerei. Wie würde der Papa von unserem neugieren Jungen antworten? Nun er würde folgendes sagen:
Sowas fragt man nicht.
Und was lernt das Kind daraus? Dass es falsch ist, bestimmte Fragen zu fragen, weil sie tabu sind. Dass es Denkverbote, letztlich Dogmen gibt.
Frageverbote? Gar Denkverbote? Ob das so richtig ist?
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Jochen Heinz
6. Oktober 2011
Vielen Dank, Herr Lihs. Es ist eine sehr schöne und kreative Darstellung des Gegenstandes. Ich hatte ein ähnliches Gefühl beim Anhören der Rede des Papstes.
Anja Schmidt
27. Oktober 2011
Sie halten wohl nicht viel von unseren Abgeordneten. Oder wie kommen Sie darauf, dass unsere demokratisch legitimierten Volksvertreter nicht verstünden? Stellen Sie damit gar die Demokratie infrage, weil Sie der Intelligenz der Mandatsträger nicht trauen?
Udo Lihs
28. Oktober 2011
Ich bezweifel, dass alle Abgeordneten rechtsphilosophische oder theologische Kompetenzen auf dem universitären Niveau des Papstes besitzen. Das ist auch nicht schlimm, sicherlich haben sie woanders Kompetenzen, jeder in seinem Ressort. Mit Intelligenz und Demokratie hat das alles aber nichts zu tun. Man kann auch ohne rechtsphilosophische oder theologische Kompetenzen intelligent und demokratisch sein.