Nicht erst seit Karl Jaspers “Schuldfrage” sucht Deutschland ja bekanntermaßen immer wieder mal nach Schuldigen. Nach Leuten, die Rechenschaft abzulegen haben, weil sie etwas zu verantworten haben. Nach Tätern, Verbrechern und Gangstern, wie nach geistigen Brandstiftern, Wegbereitern und Eintrittskarten. Wer hat das Leid verursacht, wer hat dazu beigetragen, wer ist der Böse? Bei diesen Schuldfragen, in denen es im Übrigen auch immer am Ende um das Entschuldigen des Beschuldigten geht, geht häufig nur etwas unter, was leider wichtig ist: Die Sache.
Zur Zeit passieren viele schreckliche Dinge. Da werden jugendliche Sozialdemokraten von einem Islamhasser, Tempelbruder bzw. von einem Verächter des Kulturmarxismus umgebracht. Dieserjenigewelcher mordete, richtete ein Blutbad an, nur weil er meinte, die jugendlichen Leute, die – ohne jeh irgendwem was getan zu haben - ja, – diese da – seien schuld daran, dass Europa “islamisiert” wird, ja untergeht, wenn nicht gar vergammelt und verkommt. Und wer ist schuld? Broder, Sarrazin & Co…ja, eine “Szene”, die sich – fast genauso wie Anders Behring Breivik – in apokalyptischen Endzeitgeschichten über Europa regelmäßig gegenseitig übertrumpft.
Gegen diese bösen Beschuldigten wird gesagt: “Einzeltäter kommen hier nicht aus dem Nichts.” So schreibt die Taz:
Es sind Politiker, Blogger, Publizisten, die das Klima angeheizt haben, in dem einer wie Anders Behring Breivik erst auf die Idee kommen konnte, dass der “bloße” politische oder publizistische Kampf gegen die als elementar bedrohlich imaginierte Moslemgefahr nicht mehr ausreicht.
In der Frankfurter Rundschau heißt es:
Es wäre demagogisch, Broder und andere deutsche Islamophobe zu geistigen Brandstiftern zu erklären und für Breiviks Verbrechen in Mithaftung zu nehmen. Aber richtig ist eben auch, dass Schriften, wie sie Broder verbreitet, das Entrebillett für den aggressiven Antiislamismus bilden, der nicht nur die deutsche, sondern fast alle europäischen Gesellschaften befallen hat.
Broder wehrt sich in der Springerpresse:
Die Art aber, wie eine kausale Verbindung zwischen mir und dem Autor des 1500 Seiten starken Manifests hergestellt wird, sagt vor allem etwas über die Vorstellungswelt meiner Kritiker aus.
Fleischhauer schreibt ebenfalls gegen das Beschuldigen der Islamkritiker:
So etwas kommt von so etwas, lautet kurz gefasst die Botschaft, die aus den Kommentaren spricht.
Und jetzt? Es ist viel geschrieben worden. Passiert ist: Nichts. Broder ist weder angeklagt, noch irgendeiner “Mittäterschaft” oder “Beihilfe” verdächtig. Warum also diese hastigen Entschuldigen von ihm? Hat Broder dies nötig? Kein Islamverächter wird von der Polizei oder vom Verfassungsschutz beobachtet. Warum nicht?
Das ist sehr einfach erklären: Selbstverständlich gibt es zwischen Broder & Co und Breivik Zusammenhänge, ferner bekannt als “Gemeinsamkeiten”. Breivik hat ihn zitiert und es gibt hier und da Übereinstimmungen im politischen Denken, wenn auch nicht zwingend im politischen Handeln. Aber es gibt keine Kausalitäten, keine Ursachen und keine Schuld. Nur weil eine Birne mit einem Apfel etwas gemeinsam hat, hier und da Zusammenhänge aufweist, nämlich Obst zu sein, Vitamine und Wasser in sich zu tragen, zu unterschiedlichen Anteilen versteht sich, ist der Apfel nicht an der Birne schuld und nein, die Birne stammt nicht vom Apfel ab.
Insofern geht die Kritik an den Rechtspopulisten nach hinten los: Dadurch, dass ständig nach Schuldigen, nach Mittätern und geistigen Brandstiftern gesucht wird, was ziel- und sinnlos ist, fällt das eigentliche Problem, die Sache, die gemeinsam geteilte Ideologie, der Hass auf die “Bösen”, die teilweise berechtigte, teilweise unberechtigte, in der Regel unreflektierte und leider häufig übertriebene, überdramatisierte und hysterische, ja panische und teilweise depressive und aggressive Kritik am Islam und an den Linken und Linksliberalen unter dem Tisch. Es findet keine Integrations- und Islamdebatte mehr statt, sie wird überlagert von der Schuldfrage, die keiner Sau irgendwas bringt. Die Sache, das Integration- und Zuwanderungsproblem und die Frage, ob Deutschand zum Islam gehört oder so (Wie war das noch?) ist irgendwie vom Tisch. Nur leider ungeklärt.
Das gleiche Problem nun in London. In der Stadt brennt es seit einigen Tagen. Wohn- und Kaufhäuser, Supermärkte, kleine Läden. in Berlin liebevoll “Spätis” genannt, werden geplündert. Von Jugendlichen, von Banden, von denen, die von Armut, Ausgrenzung und Rassismus betroffen sind. Und wieder: Wer ist schuld? An Armut? An Ausgrenzung? An Rassismus? Selbstverständlich: Nein. Ausnahmsweise mal nicht Broder oder Sarrazin, obwohl Letzerer mit seiner Humankapitaltheorie - von wegen jeder ist nur dann etwas wert, nur dann dürfe man jemandem Respekt entgegen bringen, wenn er dem Staat etwas nützt, als sei der Mensch lediglich Arbeiter und so Mittel zum Zweck und nicht Zweck an sich, also kein Mensch, sondern Maschine für den Staat – zumindest als “geistiger Brandstifter” in Frage käme. Nein: Es ist: Der Kapitalismus. Also die Poltiker, die das “neoliberale System” (ohne zu klären, was an dem System neu oder freiheitlich sein soll, wenn doch alle darunter leiden) bewahren und keine Politik mehr für die Armen und Jugendlichen machen, die Jugendclubs schließen und Jugendliche verhungern lassen. Und letztlich sind es wir alle, indem wir unser Geld lieber in eigene Flachbildfernseher investieren, statt diese für Jugendclubs in Großbritanien zu spenden. So sagt Raymond Geuss auf tagesschau.de:
Zunächst mal handelt es sich einfach um kriminelle Ausschreitungen, um Banden von vor allem ärmeren Jugendlichen. Sie haben entdeckt, dass sie sich sehr schnell bereichern können, wenn sie gemeinsam agieren. Dahinter aber hat sich in Großbritannien eine ausgewachsene und ausgeschlossene Unterschicht entwickelt. Diese Jugendlichen haben sich einerseits die kapitalistische Erfolgsideologie angeeignet. Sie meinen, dass der Wert eines Menschen in dessen Besitz besteht. Andererseits aber fühlen sie sich aus dem kapitalistischen System ausgeschlossen.
Ausgrenzung, Perspektivlosigkeit, Konsummaterialismus. Wir kennen es. Aber genau darüber wird nicht diskutiert. Wichtig ist nur: So ist es. Der Kapitalismus ist schuld. Und die Lösung: Das Böse abschaffen! Das Gute einführen! So heißt es:
Langfristig hilft nur eine ganz andere Politik: eine Politik der Umverteilung, der gerechten Organisation von ökonomischen Strukturen. Man müsste neue Kontrollmechanismen für die Finanzwelt einführen. Man müsste den Steuersatz erhöhen. Das alles aber steht zurzeit nicht auf der politischen Tagesordnung. Mir scheint fraglich, ob dazu überhaupt der politische Wille besteht. Im Grunde ist das System am Ende.
Ob das alles so gut ist? Warum gerade Steuern erhöhen? Werden dann mehr Jugendclubs gebaut? Sicher? Sind höhere Steuern, also mehr Geld der Ausweg im System, das aus Geld besteht? Das wirkt wirr. Und bedeutet: Nichts.
Weil: Geuss weiß genau, dass es nun kein neues System geben wird. Er kann auch nicht klären, welches das sein soll. Das wird mit ihm auch keiner klären wollen. Broder wird ihm nicht anworten und ihn fragen, wie denn nun sein System aussehe. Und Geuss weiß das, daher gibt er sich auch keine große Mühe, ein neues, besseres Gesellschaftsmodell theoretisch zu konstruieren. Ihm ist nur wichtig: Der Kapitalismus ist schuld. Zur Rechenschaft wird “der Kapitalismus” aber nicht gezogen. Das geht auch nicht. Weil: Obst ist nicht daran schuld, dass es vergammelte Äpfel gibt.
Fakt ist: Wer Spätis plündert und Wohnhäuser anzündet, wer sich dann mit Fernseher bereichert und das dann “Umverteilung” nennt, hat a) keine Ahnung und b) verändert kein System. Er verändert gar nichts. Er ist kein “revoltutionäres Subjekt”, wie man in linken Kreisen sagen würde, weil er keine revolutionäre Idee hat. Er schafft nicht das, was Obama “Change” nennt. Er will nur den Flachbildfernseher, den wir ihm nicht gönnen, weil er keine Leistung zeigt. Er tut, was Sido in seinem Song “Straßenjunge” sich zusammenrappt:
Wir Straßenjungs kämpfen nur ums Überleben. Wir habens nicht anders gelernt, einfach nehmen, wenn sie es nicht geben.
Ist Sido nun ein geistiger Brandstifter? Sido ist schuld? Nein, zwischen Sidos Texten und den Straßenjungs aus UK gibt’s nur Gemeinsamkeiten, aber keine Ursachen.Ist wie mit dem Apfel und der Birne. Erklär ich jetzt nich nochmal! Nö!
Allerdings zeigen die Brandstifter aus London (also die ohne geistig zu sein) Wirkung: Sie geben Broder, Sarrazin, Fleischhauer & Co neuen Zündstoff, Schuldige zu suchen, wegen denen Europa verkommt, vergammelt oder sich abschlafft: “Ja, da sieht man ja mal wieder, allet wegen diese linken “Asozialen” aus den “Multikultikiezen”. Dit hammwa ja schon imma jewusst. Und dat wird man ja wohl noch mal sagen dürfen.” So tönt es dann aus deutschem Maule: “Sowas kommt von sowas: Multikulti ist schuld!” Irgendwer muss ja immer schuld sein. Auch wenn die Schuldfrage in die Leere führt und von der Sache, insb. von Debatten, Diskursen, Lösungen und Auswegen ablenkt.
Wie definiert man nochmal Armut?
© Copyright bei Udo Lihs, 2011
Veröffentlicht am 11. August 2011
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