Gewalt und Notwehr in der multimedialen Gesellschaft – Der Fall Casey Heynes vs. Ritchard Gale

Veröffentlicht am 5. Mai 2011

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Ein kleiner 12jähriger Junge schlägt in Australien einen dicken 15jährigen Jungen. Ein weiterer Junge filmt diese Aktion und stellt jene Grausamkeit – als “Happy Slapping” be- und verkannt, als “Cyber-Mobbing” ‘rauf und runterdiskutiert – ins Netz. Warum tun Kids sowas? In der Regel, um der Welt zu beweisen, was für tolle Kerle sie sind, um ihre angebliche Stärke, ihre vermeintliche Überlegenheit zu demonstrieren, nicht zuletzt, um ihre Unsicherheit, ihre Instabilität und ihre pubertären Probleme zu verdrängen und zu verleugnen. Soweit zur traurigen multimedialen Realität im 21. Jhd.

Doch nun ist etwas passiert, was jenes Phänomen auf den Kopf stellt: Das Opfer verhält sich nicht wie geplant: Der dicke Junge schlägt plötzlich zurück. Er wehrt sich. Nicht nur das: Das vermeintliche Opfer – das plötzlich seinen Opferstatus verliert – packt seinen kleineren Angreifer und schleudert ihn auf den Gehweg, so dass dieser sich offensichtlich verletzt und humpelt:


Soweit so ungewöhnlich, aber was daraufhin folgt sprengt die Grenzen des Phänomens Happy Slapping. Der dicke Junge, der sich wehrt wird zum Youtube-Star, zum Helden, zur Inspiration, zum “Hero”, zum “Giant”.

Casey Heynes heißt der dicke, inzwischen 16jährige Junge, der in den letzten Wochen zum Vorbild für weitere gequälte Jungen wurde und nun im Netz weltweit herauf und herunter gefeiert wird. Er hat inzwischen nicht nur ein Blog, nicht nur eine Fangemeinde auf Facebook um sich herum geschart, sondern vor allem auch eine Reihe von Fans bei Youtube gewonnen.

Es reicht aber nicht, dass das Video auf Youtube rauf- und runtergedüdelt wird. Die Medien laufen Casey inzwischen hinterher, als wäre er die Sensation des Jahrzehnts. Eine Prügelstory zweier Jungs wird vom Youtube- zum Massenmedienereignis. Casey wird auf ACA Sunday als jahrelanges Bullying-Opfer in Szene gesetzt, ein Opfer, das sich nun endlich wehrte und jetzt ein Vorbild für weitere Mobbingopfer sein soll und er wird hierbei von Schwester, Vater und Mutter unterstützt:


Die Story bleibt nicht in Australien. “Good Morning America”, die weltweit bekannte Show des US-Senders ABC berichtet über den Fall:


Als ob das nicht reichen würde. Die Boulevardshow Today Tonight – Konkurrenz von ACA Sunday – schlägt zurück und präsentiert “THE REAL STORY”- “DIE WAHRE GESCHICHTE” – ja gar “THE WHOLE STORY” – “DIE GANZE GESCHICHTE” und nicht zuletzt wird Australien und mit Youtube der Welt DIE “Senationsmeldung” überhaupt vorgelegt:

“ER HAT ANGEFANGEN”.

Gemeint ist Casey, der dicke Junge. Er soll den viel kleineren Jungen Ritchard, der auf Casey eingedrescht hat, zuvor geschlagen haben. Casey soll begonnen haben, zu prügeln. Ritchard war der, der sich wehrte und am Ende wieder verlor und Ritchard ist das Opfer, der – im Gegensatz zu Casey – mit Narben an Bein, mit Einsamkeit und mit einem kindlich-zarten “I love you” – gerichtet an seine liebe Mama am Telefon – und nicht zuletzt mit Tränen auffahren kann, um das Herz des Publikums zu gewinnen und um im Endeffekt – bzw. im Endaffekt – Caseys massenmediales und weltweites Heldentum zu zerstören. Und damit nicht genug. Der Fall wird mit Sensationsmeldungen, wie “Gewalt erzeugt Gegengewalt” gepusht, nicht zuletzt, um Caseys Glamour zu kritisieren und um im Schlusslicht Ritchard als kleinen Antihelden zu feiern:

Was ist nun wahr? Wer hat angefangen? Wer ist Täter? Wer ist Opfer? Wir wissen es nicht. Und es spielt – genau genommen – auch keine Rolle. Wir wissen nur: Beide, Casey und Ritchard sind Opfer. Sie sind Opfer der multimedialen Senationsspirale des Boulevards, in der Gewalt und Gegengewalt, in der Angriff und Verteidigung, Gut und Böse regelmäßig ausgetauscht wird, um etwas völlig anderes zu präsentieren, als die Wahrheit: Die brutale Normalität, die Realität als Sensation.

Sowas gab es noch nie. Die Medien haben bisher nie irgendein Interesse dafür gezeigt, dass irgendein Junge in irgendeiner Schule irgendeinen anderen Jungen schlägt. Ob sich irgendwer wehrt oder nicht war keine Schlagzeile wert. Es wurde über “Jugendgewalt” geredet, aber hinter dem Begriff der “Jugendgewalt” stand nie ein Gesicht, vor allem kein Star, kein Held, kein Antiheld und keine Story. Nun wird nach jahrelangen Ursachen- und Statisitkdebatten die Jugendgewalt zur Boulevardstory.

Sogar in Deutschland: Die Osnabrücker Zeitung berichtet. Im Blog der links orienierten Zeitung “der Freitag” erscheint der Artikel “Operation Internet Hero“. Dort werden neue Aktionen bekannt:

Casey wird nachdem sich Richard bei der Schulleitung beschwert für einige Tage vom Unterricht suspendiert, nachdem das Video bekannt wurde suspendiert die Schule auch Richard. Die Hackergruppe Anonymous, bekannt für ihr Engagement pro Wikileaks und contra Scientology zeigt sich erbost über diese Ungerechtigkeit gegenüber einem Mobbingopfer das lediglich in Notwehr gehandelt hat und startet die “Operation Fat Hero”. Die Seite der Schule wird mit denial-of-Service Attacken zerschossen,…

Damit nicht genug. Justin Bieber, Superstar und Teenie-Schwarm aus Kanada, zur Zeit im Rahmen seiner “My World Tour” in Australien lädt Casey in seine Show ein, bewundert ihn und outet sich im TV als Mobbing-Opfer, immerhin zog er früher während des Anfangs seiner Musikkarriere Neider und “Hater” an. Schließlich integriert Justin Casey während seines Konzerts auf der Bühne in seine musikalische Botschaft “Never say Never”, in den Titelsong des Films “Karate Kid“:


Man mag sagen: Passt ja prima! Casey wehrt sich, genau wie der kleine Dre (Jaden Smith) im Film “Karate Kid” gegen das Böse, gegen den Angreifer und verliert so seine Angst und gewinnt seine Stärke, sein Selbstbewusstsein und seine Würde. Stimmt aber nicht. Passt eben doch nicht. Während in Karate Kid Dre sich erst wehren darf, nachdem er beim Meister Kung Fu gelernt und die Weisheit des Chi verinnerlicht hat, während Dres Notwehr und Abwehr, Dres Kampf mit asiatischer Philosophie unterfüttert und so legitim wird, ist Caseys Notwehr der reine Affekt. “Ich habe ihn einfach gepackt” sagt er. Und dafür braucht Casey kein “Chi”, keine Selbstkontrolle, keine Kultur, keine Philosophie. Was Casey braucht ist nur ein “Enough is Enough” – “Genug ist Genug”.

Was ist davon zu halten? Die Geschichte wirft Fragen auf: Was macht die Story so interessant, dass sie weltweit massenmedial ausgeschlachtet wird? Welchen Beitrag trägt Youtube in diesem Fall? Was wäre ohne Youtube passiert? War Caseys Reaktion richtig? Ist es richtig, gegen Gewalt sich mit Gewalt zu wehren? Ist das Video ein Zeichen für Notwehr und Selbstbewusstsein oder nur ein weiteres Happy Slapping Video, das Gewalt verherrlicht?

Ich frage mich: Was werden Casey und Ritchard denken, wenn sie 30 sind und ihre Geschichte im Netz, auf Youtube 12.0 wiederfinden? Was werden ihre Kinder in 40 Jahren sagen, wenn sie das Video ihrer Väter finden? Wir wissen es nicht. Wir können es nicht wissen. Dazu ist das Internet zu jung.

© Copyright bei Udo Lihs, 2011

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