Meine versprochenen Artikel zu den neuen 2010 veröffentlichten Kinder-, Jugend- und Milieu-Studien habe ich verworfen. Es war spannend, sich mit jenen hier und da zu beschäftigen, aber um vernünftige, gehaltvolle Blogartikel über diese zu schreiben, bräuchte ich mehr Zeit.
Sicherlich, ich könnte auch einfach meinen Emotionen folgen und Thesen der Studien nach Gefühl kommentieren. Ich könnte schreiben, dass der Optimismus der Jugendlichen, den Klaus Hurrelmann et. al bei den Erwachsenwerdenden erforscht und entdeckt haben lediglich blinde Naivität sei. Ich könnte formulieren, die Jugendlichen hätten ja gar keine Ahnung, was ihnen in ihrer Zukunft erwartet, würden Negatives verdrängen, gar verharmlosen. Besäßen sie konkrete Vorstellung von der Realität, hätten sie klare Ideen von Klimakatastrophen, Arbeit und Arbeitslosigkeit, Hunger und Armut etc.., wären sie frustrierter. Sie würden sicher nicht so optimistisch in die Zukunft sehen. Das könnte ich – rein nach Gefühl – behaupten. Läge ich damit richtig? Klar ist: Ich weiß es nicht. Ich vermute es nur, rein nach Gefühl.
Ich will diese Frage grundsätzlicher klären: Läge ich immer richtig, wenn ich mich nicht zeitintensiv über Fakten, die zur Beantwortung der Frage führen, informiere? Läge ich immer richtig, wenn ich nicht langwierig nachdenke, wenn ich nicht komplexe und vielfältige Aspekte berücksichtige und wenn ich nicht rational über die vielen Informationen nachdenke, die mit der jeweiligen Frage zusammenhängen? Läge ich immer richtig, wenn ich lediglich auf meine Gefühle, auf meine Emotionen höre und weniger nachdenken, weniger nachfragen würde?
Sicher, es wäre vorteilhafter: Wir alle würden sehr viel Zeit sparen, wenn wir unsere Entscheidungen nicht rational treffen würden, wenn wir nicht über Folgen oder Konsequenzen bei unserer Entscheidungsfindung lange nachdenken würden, wenn wir nicht mehr Pro und Contra abwägen würden, um Schlüsse zu ziehen. Und es klingt einleuchtend: Ein Fussballballspieler kann ja auch nicht im Weltmeisterschaftsspiel Zeit damit verschwenden, darüber nachzudenken, wann er wo wen anspielt, ob das sinnvoll oder gut ist zu Mann A oder Mann B zu schießen. Er kann nicht langwierig die Taktik zuende berechnen. Es fehlt ihm die Zeit. Er muss sofort schießen, sofort handeln, hat nur Bruchteile von Sekunden Zeit, Entscheidungen zu treffen.
Eva-Maria Engelen schreibt in der neusten Ausgabe (Oktober 2010) der Zeitschrift Information Philosophie, dass wir weniger den Verstand gebrauchten sollten, um Entscheidungen zu treffen, sondern dass wir Emotionen benötigen, um zu wissen, was wir tun sollen. Sie helfen uns, uns vor Gefahren zu bewahren. Rationales Denken. Nachdenken, Hinterfragen, Grübeln wäre dagegen zeitintensiv, langwierig und sinnlos, immerhin würde man dabei Irrelevantes und Unnötiges bedenken, was – dramatisch gesprochen – Leben kosten kann. So untermauert sie ihre These mit einem Gedankenexperiment von Daniel Dennet:
Dennet stellt sich vor, dass ein Roboter die Nachricht enthält, dass innerhalb der nächsten Minuten eine Bombe in seinem Schuppen explodieren wird. Der Roboter berechnet daraufhin, was zu tun ist und ist gerade damit fertig abzuleiten, dass das Entfernen aus dem Lager den Teepreis in China nicht verändern würde, als die Bombe explodiert. Einem lebendigen, empfindenen und fühlenden Menschen wäre indes bei der Nachricht, dass die Bombe explodieren wird die “Angst in die Glieder gefahren”, er hätte das Lager ohne weiter nachzudenken sofort verlassen. Die Angst hätte seine Aufmerksamkeit auf die für die weiteren Handlungen wichtigen, relevanten Gesichtspunkte gelenkt, die nicht relevanten wären gar nicht erst aufgetaucht.
Recht hat sie. In dieser Notsituation ist es dringend geboten, Leib und Leben zu retten. Und es sind unsere Ängste, die uns sagen: “Raus hier!” Aber: Was tun wir in Dilemmata? Was würden wir tun, wenn in dem Haus Adolf Hitler sitzt und wenn wir draußen sitzen? Würden wir sein Leben retten, rein aus dem Gefühl des Mitleids heraus oder würden wir anfangen, zu kalkulieren? Ein Hitler weniger bedeutet mehr Überlebende, soviel steht fest.
Was tun Soldaten im Kriegsfall? Haben sie Mitleid, wenn sie Menschen töten?
Was soll ein Lehrer oder ein Direktor tun, wenn er einen Schüler aufgrund seines Verhaltens aus der Schule werfen muss? Soll er Mitleid mit dem Schüler haben, weil er weiß, dass der Rausschmiss für den Schüler belastend und quälend ist? Soll er aus Mitgefühl den Schüler an der Schule belassen? Wo bleibt da die pädagogische, professionelle Distanz?
Und was soll der Ethiklehrer tun, wenn er mit seinen Schülern ein Dilemmageschichte behandelt, wenn er die Folgen und Konsequenzen mit den Schülern aus der Geschichte herausarbeitet, wenn er mit ihnen langwierig und zeitintensiv Pro und Contra abwägt? Soll er am Ende sagen, dass das alles umsonst und sinnlos war, weil man ja sowieso Entscheidung “mal eben”, quasi “to go” im Eilverfahren per Gefühl trifft?
Und was ist mit den Richtern? Sollen sie ihre Entscheidungen nach Gefühl treffen? Nach Lust und Laune gar?
Ich kann verstehen, dass Menschen gerne mehr Zeit hätten, dass Menschen gerne die quälende Belastung des Nachdenkens wegfegen wollen. Aber: Würden wir alle nur nach Gefühl handeln, wäre die Welt wohl wesentlich unreifer, unkultivierter und unmoralischer. “Erst nachdenken, dann handeln.” sagen Sozialpädagogen ihren jugendlichen Schlägern jeden Tag, die rein aus Affekten, Gefühlen und Emotionen zuhauen und glauben, so im Recht zu sein. Und diese Sozialpädagogen haben Recht. Wir müssen uns hin und wieder die Zeit nehmen und darüber nachdenken, was wir tun, bevor wir es tun. Auch, wenn es Zeit kostet.
Sicher, wir dürfen unsere Emotionen nicht abschalten. Die Folgen können wir im dystopischen Film Equilibrium sehen. Aber umgekehrt: Eine Welt ohne jede Rationalität, eine Welt, in der wir Entscheidungen nur nach Gefühl treffen, in solch einer irrationalen, affektierten, gar hysterischen Welt will ich auch nicht leben.
Und so bleibt mir nur eins zu sagen: Ich darf und kann nicht meinem Gefühl vertrauen, dass die Jugendlichen zu naiv, quasi zu blöd sind, um zu erkennen, dass die Zukunft nicht nur rosig und schön sein kann. Ich muss hier weiter forschen, weiter nachfragen, weiter skeptisch und kritisch bleiben und ich muss versuchen, zu klären, ob die Jugend nicht doch gute Gründe hat, optimistisch zu sein. Das setzt eine langwierige und schwierige Auseinandersetzung mit der Jugend voraus. Dieser Herausforderung muss ich mich stellen, auch wenn es Zeit kostet. Was soll ich die ganze Zeit sonst tun, wenn nicht nachdenken?
© Copyright bei Udo Lihs, 2010
Veröffentlicht am 13. November 2010
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