Thilo Sarrazin, ehemaliger Senator für Finanzen in Berlin, ehemaliges Mitglied im Vorstand der Bundesbank, Autor und z.Zt. arbeitslos, hat heute auf Einladung des Brandenburgischen Literaturbüros im Nikolaisaal in Potsdam sein Buch “Deutschland schafft sich ab” vorgestellt und gelesen. Die gesamte Lesung kann auf der Webseite der Märkischen Allgemeine verfolgt werden. Jene Lesung ist der Auftakt einer Lesereise in ganz Deutschland.
Der Spiegel schreibt:
Vor der Tür protestieren 150 Menschen gegen die Veranstaltung, sie nennen Sarrazin einen “Rassisten” und haben Plakate gemalt, auf denen steht: “Halt’s Maul!” Drinnen im vollbesetzten Nikolaisaal in Potsdam sieht es ganz anders aus: Von Anfang an ist es Sarrazins Show. Als er um kurz nach acht Uhr das Podium betritt, applaudieren rund 750 Zuhörer, und einige rufen laut “Bravo”
Ich war da. Nicht im Saal. Ich habe keine Karte bekommen. Ich war vor der Tür. Auf der Straße. 2 Stunden und 30 Minuten. Zusammen mit den 150 Menschen. Unter diesen befanden sich Leute von der Antifa Potsdam, einige Antideutsche, die mit ihrem Transparent mit der Aufschrift “Deutschland schafft sich ab – Endlich!!!” für ein wenig Verwirrung sorgten. Ansonsten Mitglieder der Partei “Die Linke” einige Studenten, ein paar Renter und viele Schaulustige und viele Kameraleute, insb. vom RBB. Auch Martin Sonnebon von der Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative war mit dem ZDF dabei.
Am Rand befand sich ein einsamer Gegendemonstrant mit dem Schild “Danke, Thilo”.
Wie gesagt, ich war dabei. Und ich führte Debatten mit den Leuten, die da waren. Mit 20jährigen Protestlern der Antifa und mit jenem einsamen Gegendemonstrant, der sich selbst “Linux” nannte. Und ich war dabei, als jene Protestler mit jenem Gegendemonstranten bis spät in die Nacht über Freiheit, Sozialstaat und Gesellschaft debattierten, dazu später mehr.
Ich kam so gegen 19:30 in der Wilhelm-Staab-Str. an. Ich hörte Punk-Musik, Trillerpfeifen und Redebeiträge, die im Grunde auf den Sozialdarwinismus und den Rassismus Sarrazins hinwiesen. Später erschien Sarrazin persönlich. Er stieg etwa 50 Meter vom protestierenden Block aus, der sofort auf ihn losstürmte und ihn ausbuhte, auspfiff und als Rassisten beschimpfte. Ich bin mir nicht sicher, wie es Sarrazin gelang, ins Gebäude zu kommen. Er hat es mit der Hilfe der Polizei irgendwie geschafft, die von Antifaleuten als “Rassistenpack” beschimpft wurde.
Dann wurde es ruhiger. Es spielte Musik, von Punk, über Indie, bissl Hip Hop. Die Leute tranken Bier und warteten auf die Rückkehr Sarrazins.
Ich nutzte die Chance, um mich mit dem einsamen Menschen zu unterhalten, der abseits der Menge mit seinem Schild “Danke Thilo” kaum Aufmerksamkeit bekam. Ich debattierte mit ihm über Sarrazins Buch und sagte ihm das, was ich hier bereits schrieb, dass sich Sarrazin aus vielen Wissenschaftsdisziplinen bedient, vieles auf mich sehr chaotisch und im Grunde oberflächig wirkt. Dazu sagte er nichts, er habe das Buch nicht gelesen. Ich auch nicht, aber ich weiß, dass es viele Themen im Buch gibt, die er behandelt und ich hätte es sinnvoller gefunden, wenn er sich auf ein Thema beschränkt hätte und dies ausführlicher dargelegt hätte. Daraufhin sagt er nicht. Ich frage ihn schließlich, wofür er sich bei “Thilo” bedankt. Er meinte, er fände es mutig, wenn jemand etwas sagt, was negative Konsequenzen für denjenigen haben könnte. Er fände es mutig, wenn jemand, wie Thilo nicht die Meinung der politischen Klasse vertritt, sondern die Meinung des “Volkes”. Er berief sich dabei auf Umfragen, die Mehrheit der Bevölkerung würde Sarrazin zustimmen. Später redeten wir über Menschenrechte. Er meinte, muslimische Länder würden die Menschenrechte verletzen. Was das mit Sarrazins Buch zu tun hat, erschoß sich mir zwar nicht, aber wie auch immer, ich fragte ihn, ob es Sinn macht zu fragen, ob es gute Gründe geben könnte, dass muslimische Länder die Menschenrechte nicht anerkennen, Daraufhin wurde er wütend und meinte, es gäbe keine guten Gründe und müsse darüber nicht nachdenken. Die Menschenrechte seien heilig und nicht an sie zu glauben, sei verwerflich. Schließlich fragt ihn, ob es trotz allem nicht wichtig wäre, jene Staaten und ihre Beweggründe zu verstehen. Dies verweigerte er. Er hatte kein Interesse, muslimische Staaten zu verstehen bzw. sich in ihre Beweggründe bzw. in ihre historische Kontexte hineinzuversetzen. Damit zeigte er mir, dass er nicht bereit war, seine westliche, okzidentale Welt bzw. seine westlichen Werte zu verlassen und sich mit der orientalischen Welt und ihren Werten überhaupt zu beschäftigen. Für ihn war allein der Fakt, dass man Menschenrechte ablehnen könnte, Grund genug, jene Staaten als “faschistoid” zu bezeichnen. Später forderte er, Deutschland solle seinen Staat verschlanken, sich z.B. auf die Abwehr nach außen konzentrieren und auf seine Gerichtsbarkeit. In seiner Vision vom “Staat light” kam nichts vor, was man den “Sozialstaat” nennen könnte.
Die Diskussion mit ihm wurde schließlich unterbrochen, weil die Rückkehr Sarrazins bevorstand. Er sollte aus dem Saal kommen, immerhin muss er ja wieder raus, wenn er reingegangen ist. Eine Übernachtung hat er ja nicht gebucht. Doch zunächst kamen seine Zuhörer, die von der beteiligten Antifa und von Potsdamer Bürgern, insb. von einem Rentner als “Nazis”, “Rassisten” und “Schweine” frontal beleidigte. Insbesondere jener Rentner schrie sämtlichen Leuten, die aus dem Nikolaisaal kamen und auf dem Weg nach hause sich begeben wollten ,so sehr mitten ins Gesicht, dass diese offensichtlich Angst bekamen. Die Polizei schaute zu und filmte jenen Rentner. Ob es Anzeigen wegen Beleidigung gab, konnte ich nicht sagen. Ich war darüber sehr erschrocken und begab mich zu einem Antifaaktivisten, der sich derweil mit “Linux”, dem besagten Sarrazinbefürworter, über Saudi-Arabien unterhielt. Ich forderte vom Antifaaktivisten ne Stellungnahme, wie er nun dazu stehe, dass die Leute angebrüllt werden, ich hielt dies und halte dies weiterhin für völlig unsozial. Er meinte nur, er stehe auch nicht zu jener Beleidigungsaktion und er sei auch kein Sprecher der Leute.
Schließlich quasselte ich mit dem Antifaaktivisten, der wohl Philosophie in Zukunft studieren möchte und mir ein beachtliches sozialphilosophisches Wissen vorlegte noch über so Themen wie “Wäre es nicht sinnvoller, wenn Sarrazin Menschen lediglich als Humankapital betrachtet, ihn als Kapitalisten zu bezeichenen, als als Rassisten?” oder “Sollte man nicht eher Sarrazin ignorieren?”. Während dieser Gespräche verschwand “Linux”.
Währenddessen tauchte Sarrazin nicht mehr auf, wohl deshalb, weil er den Nikolaisaal nicht da verließ, wo er hineingegangen ist, wohl, weil er einen Hinterausgang benutzte. Und die Leute gingen ihre Wege. Da die Antifaaktivisten nach Berlin mussten und ich auch, ging ich mit den beiden Richtung Bahnhof und ich plauderte mit ihnen über Bildungsexpansion, den Drang der Unter- und Mittelschicht nach oben zu kommen, obwohl oben gar nicht genug Platz ist bzw. obwohl mal als Maurer oder Tischler auch glücklich werden konnte und über die Angst vor Abstiegen in der Gesellschaft und darüber, inwiefern philosophisch angehauchte Linke im Grunde elitär seien.
Im Bahnhof angekommen tauchte “Linux” wieder auf. Und nun standen wir da und debattierten mit ihm über Sarrazin, Jugendgewalt, Ehrenmorde, Religionen und Einzelfälle. Im Zug selbst wurde es dann konkreter.
Herr “Linux” war der Meinung, dass man das Problem der Ehrenmorde löst, indem man die Ehrenmörder abschiebt und zwar bevor sie den Mord begehen. Er meinte, damit sei das Problem “gelöst”. Auf den Hinweis, dass man das potentielle Opfer dann im Ausland findet, dass dann Ehrenmorde weiterhin im Ausland stattfinden, darauf sagte er nur: “Wir sind in Deutschland.” Und wir, d.h. die Antifaaktivisten und ich schafften es, in 30 Minuten jenem Herrn “Linux” den Sozialstaat zu erklären: Während Herr “Linux” darauf pochte, dass jeder Mensch im Staat Deutschland für sich und zwar lediglich nur für sich selbst verantwortlich wäre, betonten wir, dass dies zwar stimme, aber der Staat AUCH für seine Bürger Verantwortung trägt, insb. für die, die sich nicht selbst helfen können, für die der Staat Verantwortung übernehmen muss, für die man Solidarität zeigen sollte, z.B. für sozial Schwache, Arbeitslose, Behinderte, Kinder oder alleinerziehende Mütter mit vielen Kindern und Migranten, die aufgrund ihres Names keine Arbeit bekommen oder Asylanten, die nicht arbeiten dürfen. Daraufhin meinte Herr Linux weiterhin, jeder sei für sich selbst verantwortlich und Mütter mit vielen Kindern hätten vorher verhüten sollen. Herr Linux zeigte keine Anzeichen von Mitleid für sozial Schwache und keine Anzeichen für ein Verständnis bzgl. des Sozialstaats. Er predigte seine individuelle liberale Ideologie in der sich jeder selbst der Nächste, die auf die Ideologie des roten Sozialisten traf.
Im Laufe des hitzigen Gesprächs tauchten Monsterfragen auf, wie “Was ist Freiheit?” oder “Was ist Gesellschaft?”. Während der Antifaaktivist die Frage “Was ist Freiheit?” nicht beantworten konnte, konnte Herr Linux, Sarrazinbefürworter die Frage “Was ist Gesellschaft?” nicht beantworten. Sehr beeindruckend: Auf die Frage: “Was ist Gesellschaft?” reagierte Herr Linux mit Schweigen und Nachdenken.
Damit zeigt sich, was ich hier verdeutlichte. Sarrazingegner sind Soziale. Sie betonen den Sozialstaat, Werte, wie Solidarität, Gemeinschaft und Gesellschaft. Sarrazinbefürworter sind Liberale befürworten Eigenverantwortung, Freiheit und Individualität.
Und das ist auch der Grund,warum ich als Sozialliberaler beide Seiten verstehe: Einerseits braucht es einen Sozialstaat, der sich um all jene kümmert, die keine Arbeit haben, die zu schwach, zu krank sind oder die keine Chancen bekommen haben, da ihre Herkunft sie im Aufstieg behindert, andererseits braucht es keine “soziale Hängematte”, in der jeder seine Eigenverantwortung abgiebt. Eigen- und Fremdverantwortung müssen Hand in Hand gehen, Fordern UND Fördern heißt die Devise, oder wie Kurt Beck sagte:
Leistung und Solidarität, Markt und Gerechtigkeit müssen so zusammengedacht werden, dass gesellschaftliche Spaltungen verhindert oder überwunden werden. Dies kann durch Marktmechanismen allein nicht gelingen. Für Sozialdemokraten ist es ein vordringliches Anliegen, dafür zu sorgen, dass der soziale Aufstieg nicht von Herkunft und Geldbeutel der Eltern abhängt, sondern von dem, was der oder die Einzelne leistet und in die Gesellschaft einzubringen bereit ist. Deshalb muss sich Leistung lohnen. Denn nur so haben Menschen die Chance auf sozialen Aufstieg und ein besseres Leben. Und deshalb müssen wir Menschen die Möglichkeit geben zu zeigen, was in ihnen steckt. Leistungsgerechtigkeit setzt daher Chancengerechtigkeit voraus: die Chance auf Bildung, auf Ausbildung und vor allem auf Arbeit. Dies ist gemeint, wenn wir von aktivierender Teilhabe sprechen.
Eins zeigt sich: Durch Sarrazin haben sich Menschen getroffen, die sich sonst nie getroffen hätten. Und ich habe neue Kontakte geknüpft. In dem Sinne bin ich sehr wohl für eine Diskussion über Sarrazin und lehne jede Ausrufe wie “Keine Disskussion”, wie sie in Potsdam fielen, ab!
Morgen habe ich ein Ticket für Sarrazins Lesung in Berlin, in der Urania bekommen. Sofern es mir möglich ist,werde ich Sarrazin fragen: “Was ist Gesellschaft?”, “Was ist Solidarität?” und “Was heißt es, im Sozialstaat Deutschland zu leben?” Ich hoffe, von Sarrazin kompetentere Antworten zu bekommen, als von Herrn Linux. Und ja, ich glaube an das Prinzip Hoffnung.
© Copyright bei Udo Lihs, 2010
ebook leser
10. September 2010
Die Bundesbank hat ihr Problem Sarrazin jetzt gelöst. Auch wenn es jetzt das öffentlich gemacht hat was immer vermutet wurde. Die Bundesbank ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Der Weber hat ja nur das gemacht, was die Merkel ihm gesagt hat. Dieser Mann ist für die EZB natürlich nicht geeignet. Der ist reif für den Ruhestand.