Bildung und Arbeit in der Risikogesellschaft – Für die Guten? Für die Reichen? Für alle?

Veröffentlicht am 14. Oktober 2009

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Die Westdeutsche Zeitung schreibt:

Die höhere Bildung, seit jeher ein zentrales Merkmal des Bürgertums, verliert in der Risikogesellschaft ihre Garantieleistung und schwächt damit die Mittelschicht selbst. Wer heute noch dazugehört, kann morgen schon zum Prekariat gehören. Wer sich heute noch im Hörsaal als Teil des Bildungsbürgertums wähnt, kann morgen schon Teil der schamlos ausgenutzten “Generation Praktikum” sein.

Damit bestätigt sich, was Ulrich Beck bereits 1986 gesagt hat. Klassen zerbröseln. Die Arbeiterklasse zeichnet sich nicht mehr durch Arbeit aus, sondern durch Projekte, Ich-AGs oder in der Regel durch Arbeitslosigkeit. Die Mittelschicht, die bürgerliche Klasse verliert ihre Sicherheiten, ihre Traditionen, ihre Merkmale, wie z.B. die “lebenslange Festanstellung”, vor allem aber verliert sie feste Strukturen in der Gesellschaft. Aber: Sie schafft sich Raum für Individualität und Selbsverwirklichung, z.B. in der “Solo-Selbstständigkeit”. Identität heißt heute: “Was will ich werden?” und nicht mehr “Wo gehöre ich hin?”

Tatsache ist jedoch, dass die Herkunft immer noch über Bildungs- und Arbeitsmarktchancen entscheidet. Als Migrant bzw. als Mitglied der “bildungsfernen Schicht” oder als Arbeitnehmer mit Behinderung sind Türe und Tore häufig verschlossen. In der Regel werden sozial Schwache häufig diskriminiert und ausgestoßen, so z.B. sagt Ex-Finanzsenator Thilo Sarrazin im Interview mit dem Magazin Lettre , es gäbe Menschen, z.B. in Berlin, die “nicht ökonomisch gebraucht werden.”. Spreeblick schreibt:

Sarrazin empfiehlt Müttern der „Unterschicht“, ihre Kinder „woanders“ zu bekommen; auf diesem Niveau bewegen sich große Teile des Interviews.

Jene fragwürdige Mentalität finden wir aber nicht nur bei Sarrazin, auch bei Unternehmern und Arbeitgebern, die Migranten, Unterschichtler oder Behinderte als Bewerber regelmäßig vor die Tür setzen, weil sie nicht “tragfähig” sind.

Jene Diskriminierung finden wir auch in der Schule, in der Kinder und Jugendliche aus Migrationsfamilien häufig schlechtere Noten bekommen, als Kinder deutscher Herkunft, in der Behinderte, aber auch Kinder mit Sprachproblemen (z.B. Migranten) in Sonderschulen oder in Psychatrien ausgesondert werden, in der Unterschichtskinder nach der 4. bzw. nach der 6. Klasse (ja nach Bundesland) die Hauptschule nach der Grundschule empfohlen wird, ohne Alternativen, wie z.B. Gesamtschulen, Integrationsschulen, Reformschulen etc… zu bedenken!

Genau jene soziale Ungerechtigkeit wird häufig vergessen, wenn von Individualität, von Flexiblität oder von Eigenverantwortung in der Riskogeselslchaft geredet wird. Jeder Unterschichtler, jeder Migrant kann sich noch so sehr bemühen, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Wenn er (oder sie) aber nicht mit all seinen Fähigkeiten und Talten respektiert wird, sondern danach beurteilt wird, woher er (oder sie) kommt, dann läuft in Deutschland bzw. im Abendland so vieles grundlegend schief und falsch.

Genau jene Falschheit haben Kinder und Jugendliche häufig erkannt. Jene “robusten Materialisten” (Jugend-Shell-Studie, 2006) haben kein Interesse mehr, sich für ihren Lebenslauf zu engagieren, sich aufzurappeln oder voranzukommen. Sie geben sich auf, weil sie aufgegeben werden. So entsteht Frust und Wut auf die Gesellschaft und so manifestiert sich Jugendgewalt.

© Copyright bei Udo Lihs, 2009

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